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Ferdl Braun aus Pretz hatte in seinem Besitz ein Wegkreuz,

das bei der Flurbereinigung in den 1970er Jahren an der Kreu­zung am südlichen Ortseingang von Pretz quasi im Wege stand und ihm ausgehändigt worden war. Es gehöre zu sei­nem Hofbe­sitz, wurde ihm gesagt.

Welche Bewandtnis es damit hatte, wusste aber niemand mehr. Die Inschrift war unleserlich.

Nun hat Ferdl Braun das Kreuz vom Steinmetz Peter Müller renovieren und die Inschrift erneuern lassen.

Wenn es zu seinem Anwesen gehört, stellt sich die Frage nach den Vorbesitzern.

Da ergibt sich eine Besonderheit. Die Anwesen Pretz 11 (Braun, früher Hausnummer 110) und Pretz 10 (Hopfinger, früher Hausnummer 109) waren bis Mitte des 18. Jahrhunderts ein Anwesen (Vier­telbauer), das schon ab dieser Zeit im Besitz der Familie Madl war. Um ca. 1750 wurde es von Ma­thias Madl an seine bei­den Söhne Bartholomäus und Joseph weiter gegeben und auf zwei Achtel­bauernhöfe aufgeteilt.

Das Anwesen Braun blieb bis 1933 im Besitz der Familienlinie Mathias Madl und das Anwesen Hopfinger bis 1928 in der Linie Bartholomäus Madl. Auf letzterem Bauernhof ruhte die reale Webergerechts­ame.

Beide Anwesen waren also ab 1726/1740 bis 1933/1928 im Besitz der Familien Madl.

Die Sache schien einfach: Jemand aus der Familie Madl hatte am südlichen Ortseingang ein Un­glück ereilt und die Angehörigen hatten zum Gedenken in diesem Bereich ein Wegkreuz aufgestellt.

Aber: Alle Angehörigen der Familien „Madl“ aus Pretz starben eines natürlichen Todes. Nun galt es, alle Sterbeeinträge von Bewohnern aus Pretz nach einem Unglücksfall als Todesursache zu durchsuchen. Bei einem Sterbeeintrag war dies der Fall:

Am 17. August 1892 ertrank das Inwohnerkind/Bauernkind Creszenz Gruber aus Pretz im Alter von 1 Jahr und 8 Monaten. Sie war am 23. Dezember 1890 in Pretz geboren worden.

Im Sterbeeintrag der Pfarrei wird als Todesursache „ertrunken“ angegeben. Beim Sterbeeintrag der Gemein­de wird als Todesort die elterliche Wohnung angegeben, als Todeszeitpunkt „sieben Uhr nachmittags“. Der gemeindliche Eintrag lässt darauf schließen, dass das Kind noch in die elterliche Wohnung gebracht worden ist.

Aber welchen Bezug gab es zur Familie Madl und zu deren Anwesen in Pretz?

Vater der ertrunkenen Creszenz war der Inwohner Johann Gruber aus Eppendorf, der bei seiner Hei­rat 1881 mit Franziska, geb. Mühlbeck als Dienstknecht in Enzersdorf bezeichnet wird. Creszenz hatte noch zwei Ge­schwister, die ebenfalls in Pretz geboren wurden und mit ihren Eltern dort leb­ten.

Die Schlüsselfigur und die Verbindung zur Familie Madl ist der Vater dieses Johann Gruber, näm­lich Joseph Gruber (Opa der verunglückten Creszenz). Er wurde 1792 geboren und stammte aus Ep­pendorf und war vor 1821 Knecht in Witzmannsberg.

Im Jahr 1821 kam Anna Maria Madl aus Pretz auf die Welt, deren Vater Joseph Gruber war.

Mutter war Barbara Madl, Weberstochter aus Pretz 109. Ein Jahr später wurde ein weiteres, gemein­sames Kind geboren, das kurz nach der Geburt starb. Dabei wird als Wohnort der Mutter Barbara Madl Pretz 110 angegeben.

Joseph Gruber und Barbara Madl gingen später getrennte Wege und heirateten andere Partner. Das Verhältnis zwischen den Familien Madl und Gruber muss ungestört gewesen sein, da die Familie Johann und Franziska Gruber bei den Madls in Pretz Unterkunft, Bleibe und wohl auch Arbeit ge­funden hat.

Creszenz muss in der Nähe ihrer elterlichen Wohnung ums Leben gekommen sein. Am südlichen Ortsein­gang von Pretz, unterhalb der früheren Madl-Anwesen, verläuft auch heute noch ein kleiner Bachlauf. Dieser wurde 1841 als Waschbachl bezeichnet. Das Waschbachl war möglicherweise etwas aufgestaut, was der kleinen Creszenz Gruber zum Verhängnis geworden ist.

Das Wegkreuz wurde nach der Renovierung wieder in der Nähe des Unglücksorts aufgestellt. Es soll an das Unglück erinnern und für Vorübergehende Einladung zu einem Gebet sein.

Herbert Zauhar, 06.2021