Bis Ende des 19. Jahrhunderts blühten auf den Feldern

unserer Bauern zwischen Juni und August blaue Blu­men. Es war der Flachs (auch Lein) genannt. Viele Arbeitsschritte waren notwendig, um nach der Ernte der Pflanze die Faser als Rohstoff für die Weiterverarbeitung zum Leinen zu gewinnen.

Beim Durchziehen durch eine Riffel wurden die Samenkapseln vom Stängel getrennt. Danach musste die Pflanze „geröstet“ werden. Bei Feuchtigkeit und Wärme bilden sich dabei Pilze, die die Flachsfasern von den Stängeln lösen. In einem Haarhaus, auch Brechhaus genannt, folgte die Weiterverarbeitung. Hier wurde der Flachs durch die Wärme des Feuers getrocknet (gedarrt). Haarhäuser mussten wegen der Brandgefahr abseits des Dorfes errichtet werden, in der Regel auf Gemeinschaftsgrund des Dorfes.

Danach wurde der Flachs gebrochen. Dabei wurden die Holzbestandteile zerkleinert. Anschließend wurden am Schwingstock mit einem Schwingholz die minderwertigen Bestandteile von den haarigen Langfasern getrennt. Rund 15% der Stängelmasse des Flachses sind Langfasern. Die Langfasern wurden dann durch He­cheln gereinigt, zu Fäden verdreht und aufgewickelt. Die Arbeit bei Hitze und Staub war anstrengend.

Die zahlreichen Leinenweber am Ort verarbeiteten die Flachsfaser zu Stoffen für die Bekleidung und für Ge­brauchsstoffe. Ende des 19. Jahrhunderts löste die Baumwolle den Flachs als Ausgangsstoff weitgehend ab. Heute spielt Leinen nur noch eine untergeordnete Rolle bei der Herstellung von Stoffen.

Haarhäuser in den Ortschaften unserer Gemeinde im 19. Jahrhundert

Anschießing/Badlhof, 100 m östlich von Anschießing (frühere Fl.Nr. 2468) - Eisensteg, 300 m östlich an der Staatsstraße (5392 ½) - Englburg, 1,1 km östlich von Englburg, nahe der Ortsflur Gneisting (5545) - Gehersberg, 220 m nördlich der Ortschaft (1989) - Gneisting, 200 m westlich des Dorfes - Göttersberg, 350 m nordöstlich des Dorfes, bei der Abzweigung Muth/Skilift (2212) - Hohenwart, 150 m nördlich der Ortschaft (1520) - Hörmannsdorf, 350 m nördlich der Ortschaft, westlich des heutigen Anwesens Granitwerk Josef Krenn (967 a) - Hötzendorf, 250 m nordwestlich der Ortschaft, auf Höhe des Bürogebäudes des Steinbruchs Merckenschlager auf der nördlichen Seite der Staats­straße nach Fürstenstein (4794), Vermerk 1890: Vermessung wegen Neubau eines Haarhauses; 1915 Abbruch des Haarhauses - Kothingrub, 150 m nördlich des Dorfes (1636 ½) - Lanzendorf, 80 m südlich des Weilers auf der rechten Bachseite (2468) - Masering, 250 m südwestlich des Dorfes (4347 ½) - Preming, 300 m südwestlich, links der Haupt­straße nahe dem Haus Passauer Straße 95 (3910 und 3909) - Pretz, 360 m südwestlich desDorfs, Stierwiese samt dem Haarhaus (3351) - Roitham, 250 m südlich des Dorfs (2680) - Rothau, 150 m südlich des Dorfes in etwa gegenüber dem Anwesens Am Geiersberg 12, neben dem Anwesen Am Geiersberg 15 (4904 ½) - Siebenhasen, 75 m südwestlich des Dorfes, Bereich Notschlachthaus (?) - Stützersdorf, 200 m südlich des Dorfes (1052 ½) - Tresdorf, 150 m nordwestlich des Dorfes, heute Zufahrt zur B 85 bei Rewe/Netto (475) - Windorf, 130 m östlich des Bauernhofs

Im Ortskern finden sich in den Grundsteuerakten keine Haarhäuser. Die Marktbürger waren damals nur klei­ne Nebenerwerbslandwirte, wahrscheinlich ohne Flachsanbau.

Witzmannsberg

Eppendorf, 200 m nordwestlich des Dorfs – Gatzerreut, 150 m nördlich des Dorfs - Witzingerreut, 250 m südlich des Dorfs (?)

Für Witzmannsberg sind derzeit nur drei Haarhäuser bekannt. Mit Sicherheit gab es aber weitere in anderen Ortschaften. Für entsprechende Hinweise, auch Ergänzungen für Tittling wäre ich sehr dankbar.

Herbert Zauhar, 07.2020