Das Anwesen Berggasse 8, das heute ein Wohnhaus ist,

hat eine bewegte Geschichte.

1710 heiratete der Metzgerssohn Christoph Fleischmann Maria Anna Fruhstorfer. Ihr Vater war Wirt und Braumeister in Tittling und vorher (1704) Bierbrauer in Fürstenstein. Christophs Vater (Simon) und Großvater (Christoph) waren Metzger in Tittling. Bei der Geburt seiner Kinder wird Christoph als Braumeister und Wirt bezeichnet. Christoph und Maria Anna sind als Besitzer des Anwesens ab 1710 gesichert. Die Metzgerfamilie Fleischmann stammte aus Sulzbach/Ruhstorf und kam um etwa 1665 nach Tittling.

1752 und 1760 wird als Besitzer Georg Steinsailler, ein aus Landau stammender Metzger genannt. Er hatte hier eingeheiratet hat und wurde als „Wirt auf‘n Metzger Christl Haus“ beschrieben. „Christl“ dürfte mit dem Vornamen Christoph der früheren Besitzer zusammenhängen.

In der Folgezeit besaßen dieses „Wirtsgütl mit einer radizierten Tafengerechtigkeit“ die Wirte We­ber, Stelzer und Neidlinger.

Neidlinger verkaufte 1817 das Wirtsgütl mit kleinem Grundbesitz für 1.500 Gulden an den Wirt und Brauer Valentin Baldini, der im gleichen Jahr die aus Wiesing stammende Brauerstochter Franziska Simeth geheiratet hatte.

Valentin Baldini wurde 1790 als Sohn des Schönfärbers Ignaz Baldini und seiner Frau Franziska ge­boren. Diese lebten damals in der Passauer Innstadt.

Die Baldinis sollen aus Murano bei Venedig gestammt haben. Sie dürften Ende des 18. Jahrhunderts nach Passau gekommen sein.

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau Franziska heiratete Valentin in zweiter Ehe am 14. Mai 1839 die 1797 geborene Wirtstochter Elisabeth Unfried aus Gatzerreut. Als Trauzeuge wird der Zeug­schmied Anton Sedlmair von der Schneidermühle genannt.

Aus der zweiten Ehe ging am 3. Mai 1843 der Sohn Franz Xaver hervor.

Valentin Baldini muss ein erfolgreicher Gastwirt gewesen sein. Er konnte seinen Grundbesitz von einem Tagwerk auf gut 30 Tagwerk (etwa 10 ha) vergrößern. Nun hatte er als zweites Standbein eine kleine Landwirtschaft.

Der „Obernwirt“ oder „Obere Wirt“, wie dieses Gasthaus auch genannt worden ist, wurde in den 1860er Jahren zum Treffpunkt kritischer Bürger. Diese “Querdenker“ hatten einen politischen Lese­verein gegründet. Neben alteingesessenen Bürgern schlossen sich nach Tittling gekommene Perso­nen wie Arzt, Apotheker, Lehrer oder Gendarmen zusammen. Sie trafen sich „beim Baldini“, tauschten liberale, „fortschrittliche“ Zeitungen aus und diskutierten über Veränderungen in Staat, Kirche und Gesellschaft. Es war die Zeit eines politischen Aufbruchs in Bayern und anderen deut­schen Landen.

Der damalige Expositus Joseph Bauer und seine Kooperatoren lieferten sich heftige Auseinander­setzungen mit diesen kritischen Bürgern, die aber großen Rückhalt in der Bevölkerung hatten.

Nach dem Tod seines Vaters Valentin am 23. Juni 1863 ging der Besitz im Rahmen der Erbfolge auf die Ehefrau Elisabeth und den Sohn Franz Xaver über. Die Söhne aus der ersten Ehe starben bereits vor dem Vater.

Am 15. April 1869 brach bei einer Feier des Lesevereins auf der Kegelbahn des Gasthofs Baldini ein Feuer aus, das auf alle Häuser in der Berggasse übergriff.

Für Franz Xaver Baldini war das eine wirtschaftliche Katastrophe, zumal er auch schon 1864 durch einen Brand geschädigt worden war. 1879 musste er alle von seinem Vater Valentin zugekauften Grund­stücke und das durch den Brand beschädigte Anwesen verkaufen.

Als seine Verkaufsabsichten bekannt wurden, gab es Überlegungen, hier ein Distriktkrankenhaus für den Wald­teil des Bezirks Passau einzurichten. Dagegen erhob sich starker Widerstand in der Marktbevölke­rung. Man befürchtete, dass von dem Krankenhaus ansteckende Krankheiten auf die nähere und weitere Umgebung ausgehen könnten.

Die Gemeinde Tittling erwarb daraufhin 1879 das Gasthaus, beseitigte die Brandschäden und rich­tete hier ein Armenhaus für alleinstehende Personen ein.

Die „radizierte Taferngerechtigkeit“ wurde 1880 von Baldini an den Brauer und Gutsbesitzer Max Niedermayer von Englburg veräußert.

Die Armen der Gemeinde lebten hier in einfachsten Verhältnissen.

Die Gemeinde hatte für alle Bedürfnisse der hier untergebrachten Armen und Gebrechlichen zu sor­gen. Eine ganze Reihe von ihnen war unverschuldet in Not geraten und war früher wohlhabend. Zwangsversteigerungen von Sachen, Nutztieren, Grundstücken und ganzen Immobilien waren an der Tagesordnung und zeugten von vielen wirtschaftlichen Schieflagen.

So erging es auch der ehemaligen Wirtin Elisabeth Baldini, die Ende November 1888 im Alter von 91 Jahren als „Armenhausinwohnerin“ verstarb.

Manche der Bewohner verdienten sich durch Gelegenheitsarbeiten etwas dazu oder gingen bettelnd umher.

Auch die sog. „Umfuhr“ (auch „Umkost“ genannt) wurde laut Max Peinkofer gehandhabt. Um die Gemeindekasse von den Verpflegungskosten zu entlasten, schickte man die Armenhausbewohner nach einem bestimmten Schlüssel reihum zu den einzelnen Häusern der Gemeinde. Dort wurden sie verköstigt oder holten ihr Essen ab.

Zur Einhaltung der Ordnung im Armenhaus gab es eine Hausordnung. Wer dagegen verstieß, muss­te mit Bestrafung rechnen.

In den 1930er Jahren wurde das Armenhaus ein Miethaus für kinderreiche Familien. Ein „Armen­haus“ passte nicht mehr zur Ideologie dieser Zeit.

Im Mai 1937 fand auf einem großen Grundstück in der Muggenthaler Straße, auf dem heute das Ge­schäft der Fa. Elektro Lindbüchl und zwei Wohnhäuser stehen, die Grundsteinlegung für ein Kin­der- und Schwesternheim statt. Geplant war ein Kindergarten und eine Einrichtung zur Unterstüt­zung der jungen Mütter und Familien.

Bis zur Fertigstellung des Baus wurde für die Betreuung der Vorschulkinder provisorisch die ehe­malige Gaststube im Armenhaus dafür hergerichtet.

Letztlich kam es nicht zum Bau des Kinder- und Schwesternheims. Der Kindergarten blieb einige Jahre im ehemaligen Armenhaus. Als aber im Krieg hier französische Kriegsgefangene einquartiert wurden, verlegte man den Kindergarten in das Reichsarbeitsdienstlager in der Dreiburgenstraße.

Am 25. April 1945 wurde das Armenhaus in der Berggasse bei den Kämpfen in Hörmannsdorf von US-Truppen durch Beschuss völlig zerstört.

Im Jahr 1950 kaufte die Familie Weinberger das Grundstück und errichtete hier ein Wohnhaus mit Laden und einer Schlosser- und Spenglerwerkstatt.

Nach der endgültigen Einstellung des Schlosserbetriebs wurde das Gebäude 2009/10 zu einem rei­nen Wohngebäude umgebaut.

Herbert Zauhar, Juni 2019